giant

Denkfehler: Wir halten uns für Riesen und sind doch nur Zwerge.

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.
Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit"
(George Orwell, 1984)



Zuwanderer gebildeter als Deutsche ..!?

"Fachkräfteboom: Zuwanderer sind oft gebildeter als Deutsche" so lautet eine 'griffige' Überschrift im Blog der "Arbeitsgemeinschaft Staatlicher Selbstverwaltungen – Aktuell" unter Bezugnahme auf einen Beitrag bei "spiegel-online" aus Mai 2013. Das hat mich neugierig gemacht - weil es gerade wieder durch die Gazetten geistert - und ich habe mal etwas genauer hingesehen. Bei GMX war auch etwas dazu zu lesen.

Siehe da, so positiv wie es im Titel klingt ist es dann doch nicht. Es werden - zu welchem Zweck auch immer - wieder mal Äpfel mit Birnen verglichen und der staunenden Öffentlichkeit als Wissenschaft präsentiert.
Denn was völlig verschwiegen wird sind zwei Fakten: Erstens steht mancher ausländische Abschluß in keinem (Qualitäts-) Verhältnis zu dem, was hierzulande als Leistung erwartet wird, und zweitens ist der Prozentsatz - gemessen an denen, die bereits hier Arbeitsplätze nachfragen - so gering, daß man ihn nicht einmal als 'Promille-Satz' angeben könnte. Etwas zu verschweigen kann auch 'Lüge' sein, wenn es die Lesenden in die falsche Richtung führt.

Doch zunächst ein Blick auf den Mann, der hinter dem allem steckt, dessen Lebenslauf - wie aus dem Nichts heraus - ganz plötzlich beginnt, keine Information woher er kommt und was davor war ....

Es ist der äußerst umtriebige "Arbeitsmarktforscher Herbert Brückner", der einen Lehrstuhl an der Universität (früher FH) Bamberg hält [Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Integration der Europäischen Arbeitsmärkte], und das wohl nicht nur seiner wissenschaftlichen Verdienste wegen:
CDU-nah ist Brückner zugleich auch Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Diese Position hatte er zuerst, dann, ein paar Jahre später, wurde er nach Bamberg berufen.


Dem Vernehmen nach werden ja gern CDU/CSU-nahe Bewerber, die zudem in ihren sonstigen Aktivitäten eine Übereinstimmung mit "Werten und Zielen" dieser Parteien zeigen, bei der Stellenbesetzung bevorzugt berücksichtigt.
So eine Professur an einer Hochschule bringt finanzielle Sicherheit, auch für den Fall, daß möglicherweise die Führung der Bundesanstalt mal in andere als CDU-Hände geraten sollte.

Doch nun zum Inhalt.
" .. Der Forscher widersprach auch der These, mehr Zuwanderung drücke automatisch das Lohnniveau in Deutschland. Ohne Einwanderung werde das Potenzial an Erwerbstätigen bis 2050 von heute 45 auf 27 Millionen Menschen sinken .. " Da ist schon der erste Widerspruch - und man braucht kein Wissenschaftler zu sein um den zu erkennen:
Wenn die Zahl der Erwerbstätigen sinkt und die Nachfrage gleich bleibt werden Löhne und Gehälter steigen, denn die Firmen konkurrieren um die kleinere Zahl von Bewerbern mit besseren Bedingungen, natürlich auch höheren Löhnen. Zuwanderung aber erhöht das Angebot, deswegen läßt sie die Löhne sinken. Der Widerspruch eines wirtschaftsfreundlichen Professors ändert daran nichts, er beweist nur, wessen Liedchen der Mann singt.

Das wurde noch verstärkt als ich las " .. Bertelsmann-Stiftungsvorstand Jörg Dräger warb für eine strategische Neuausrichtung der Einwanderungspolitik. .. " - und das u.a. auf Basis der Befunde von Prof. Brückner. Das Muster kennen wir doch zur Genüge:
Bertelsmann gibt eine Parole aus, die scheinbar wissenschaftlich 'abgesichert' ist, formuliert daraus eine politische 'road map' (!) und die Politik nimmt nur allzu gern den Faden auf und spinnt ihn weiter ....

Natürlich dachte ich: "OK, das kann eine Gefälligkeit sein, da dreht man schon mal sein Mäntelchen nach dem Wind um die Gönner und Förderer zufriedenzustellen. Vielleicht denkt und veröffentlicht Brückner ja etwas ganz anderes ...!" Was könnte da besser herangezogen werden als die offizielle Antrittsvorlesung in Bamberg? Solche Veranstaltungen richten sich u.a. auch an Fachkollegen, und die wollen schon Substanz erkennen - und sie können 'falsch' von 'richtig' unterscheiden.

Bedauerlicherweise mußte ich aber feststellen:
Viele Grafiken mit vielen Zahlen - und die Schlußfolgerungen (weiter unten als screenshot eingefügt) in keinem Zusammenhang dazu! Ein einziges Ratespiel aus "in der Regel", "kann", "möglicherweise", "Schätzung", usw. - schwammiger und ungenauer geht es kaum.

Ein Gutes allerdings haben die nachfolged zitierten 'statements':
Sie sind dermaßen abgedroschene Allgemeinplätze, daß sie bestimmt irgendwie 'passen'. Schwammig, aber das habe ich weiter oben schon gesagt.

 

1. [brueckner]
2. [brueckner]
3. [brueckner]
4. [brueckner]
 
zu 1.
"Schätzmethoden" - ist sowas Wissenschaft? Ich dachte immer, das sei eher wie Kaffeesatzlesen .... "öffentliche Diskussion" - welche ist gemeint, wer nimmt daran teil, ist sie repräsentativ für die Gesamtbevölkerung?
 
zu 2.
Wie werden die Löhne verändert? Welche spezifischen "Arbeitsmarktrisiken" sind gemeint? Zu wessen Gunsten wirken diese Veränderungen?
 
zu 3.
Wo ist der Beleg?
Zuwanderung erhöht das Arbeitskräfteangebot und senkt damit die Löhne, nicht umgekehrt.
 
zu 4.
Wessen Gewinne steigen? - wohl doch nur die von solchen Unternehmen die weniger Einsatz für die Ausbildung leisten müssen, wenn sie aus dem Ausland bereits ausgebildete Mitarbeitende bekommen.
 

Dazu das Zahlenmaterial. Wenn es um Arbeitsmarktflexibilität geht werden z.B. Zahlen aus den Jahren '84 bis'99 benutzt, für den Lohn hingegen Zahlen aus '03 bis'08, also mit zehn Jahren Unterschied. Immer bunt durcheinander, ohne ein Wort wieso das doch angebracht sein könnte. So kann man freilich sehr geschickt verschleiern - wenn das gewollt ist - daß die aktuellen Zahlen nicht zueinander passen würden oder man nicht das Ergebnis bekommt, was man gerne haben will.

Was mich besonders störte war die Art der Formulierung, denn das halte ich nicht für wissenschaftlich exakte Formulierung (screen Folie 27; ".. ein wunderbarer Datensatz .. "; Abb. unten).
 

[02.07.2013]
 
Bei Frau Klum oder Herrn Bohlen ist "wunderbar" vielleicht angebracht, aber in einer Antrittsvorlesung?

Mein Fazit:
Eine weitere "Ente" wurde in die Welt gesetzt um bestimmte politische Ziele anzustoßen und zu untermauern, eine weitere Pressemitteilung, die unkritisch von den "Qualitätsmedien" a la Spiegel wiedergekäut wurde - auf die aber besser weder Elektronen noch Papier hätten verschwendet werden sollen.


PS
Vor mir gab es natürlich auch 'anderen' Widerspruch, teils mit abweichender Zielrichtung, aber doch im Grundtenor ähnlich.
 

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